Gaiswinkler, Sylvia; Wahl, Anna; Pfabigan, Johanna; Pilwarsch, Johanna; Antony, Daniela; Ofner, Tonja; Delcour, Jennifer; Antosik, Jennifer (2024): Gender-Gesundheitsbericht 2024. Schwerpunkt: Sexuelle und reproduktive Gesundheit. Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK), Wien.
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Gender-Gesundheitsbericht 2024_bf.pdf
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Abstract
Hintergrund
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO 2016) betrachtet seit dem Jahr 2000 sexuelle und reproduktive Gesundheit als einen integralen Bestandteil des menschlichen Wohlbefindens und betont die Untrennbarkeit dieser Aspekte als Faktor für die Gesamtgesundheit, das Wohlergehen und die Lebensqualität. Sexuelle und reproduktive Gesundheit ist in einem breiten Ansatz zu verstehen, der nach verschiedenen Lebensphasen und den Bereichen der Gesundheitsförderung, Prävention und Gesundheitsversorgung zu betrachten ist und vor allem unterschiedliche Politikfelder (Health in All Policies) betrifft. Der vorliegende Bericht knüpft an den Frauengesundheitsbericht 2022 an und bietet einen komprimierten Überblick zum Thema für weiterführende Diskussionen. Dabei werden den WHO-Grundlagen und anderen bereits vorhandenen internationalen Strategien entsprechend jene Dimensionen sexueller und reproduktiver Gesundheit verstärkt beleuchtet, die über die sexuelle Funktionsfähigkeit und sexuell übertragbare Erkrankungen hinausreichen.
Methode
Methodisch wurden für den Bericht eine Literaturrecherche und gezielte Datenauswertungen vorgenommen. Mit der Literaturrecherche wurde eine breite Literaturbasis erstellt, wo bei diese häufig nicht aus Österreich stammt. Jene Daten, die für Österreich zu sexueller und reproduktiver Gesundheit vorhanden sind, wurden in den Bericht aufgenommen und zu punktuellen Fragestellungen wurden Sonderauswertungen durchgeführt. Für den Bericht wurden erstmals Auswertungen aus der Österreichischen Gesundheitsbefragung 2019 zur sexuellen Zufriedenheit in Österreich nach Geschlecht, Alter, Gesundheitszustand und sozialen Faktoren vorgenommen. Informationen aus den weiteren Datensätzen (HBSC, HLS-EU, EU-SILC) wurden aus veröffentlichten Berichten verwendet.
Ergebnisse
Im österreichischen Gesundheitssystem ist sexuelle Gesundheit nicht verankert, das entspricht einer großen Lücke eines zentralen Themas von Gesundheit. Das Thema wird sowohl in der Forschung als auch auf der Policy-Ebene vorwiegend aus einer Risikoperspektiv betrachtet. Ansätze eines positiven Zugangs müssten hier aktiv verstärkt werden. Wenngleich die Aktions- und Strategiepläne der WHO zur Förderung der sexuellen und reproduktiven Gesundheit einen positiven, chancengerechten Zugang nach unterschiedlichen Lebensphasen festhalten, sind in Österreich noch nicht ausreichende Maßnahmen für eine entsprechende Umsetzung gesetzt. Der Bereich der sexuellen Gesundheit ist in Fragmenten vorhanden, vereinzelt kümmern sich Organisationen oder Organisationseinheiten darum, es fehlt jedoch an einer Gesamtstrategie unter Einbindung aller Stakeholder. Informationen und Beratung sind innerhalb Österreichs, auch abhängig vom Bundesland, unterschiedlich. Vieles liegt in der Verantwortung auf persönlicher Ebene. Der umfassende Bereich sexueller Gesundheit beinhaltet jedoch auch Aspekte wie die Unterstützung in Hinblick auf einen positiven Zugang zum eigenen Körper- und Selbstbild, die Wertschätzung des eigenen Körpers und ein Verständnis von Sexualität als einen wesentlichen positiven Teil von Gesundheit und Wohlbefinden. Es fehlt in Österreich bislang ein abgestimmtes Bild, wie insbesondere sexuelle Gesundheit umfassend und qualitätsgesichert adressiert werden kann.
Schlussfolgerungen
Sexuelle und reproduktive Gesundheit ist in Österreich nach wie vor marginalisiert und erfährt keine ausreichende strukturelle Verankerung im Gesundheitssystem. Die Behandlung des Themas bleibt auf Risikofaktoren und reproduktive Aspekte beschränkt, während ein umfassender, positiver und chancengerechter Zugang zu sexueller Gesundheit nicht gewährleistet ist. Die Analyse verdeutlicht auch, dass bestehende Versorgungslücken besonders für vulnerable Gruppen wie Frauen, geschlechtliche Minderheiten, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen bestehen und dass diese oft durch strukturelle und gesellschaftliche Barrieren verschärft werden. Internationale Beispiele (z. B. Frankreich, Irland, Niederlande) zeigen, dass die Entwicklung einer Strategie unter relevanten Stakeholdern einen wichtigen Beitrag leisten kann, um den Zugang zu sexuellen Gesundheitsdienstleistungen zu stärken. Für diverse potenzielle Maßnahmen bietet die WHO einen guten Rahmen. Ein integrativer, gendersensibler Ansatz, der die sexuellen Gesundheitsbedürfnisse aller Bevölkerungsgruppen respektiert und adressiert, könnte nicht nur Versorgungslücken schließen, sondern auch die sexuelle Selbstbestimmung und das Wohlbefinden der Bevölkerung nachhaltig stärken.
Item Type: | Monograph (Project Report) |
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Subjects: | OEBIG > Gesundheit, Gesellschaft und Chancengerechtigkeit |
Date Deposited: | 16 Jan 2025 06:35 |
Last Modified: | 16 Jan 2025 06:35 |
URI: | https://jasmin.goeg.at/id/eprint/4211 |